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Im Gandria der Ostschweiz

Melchior Rudenz ist Journalist und passionierter Wanderer. Seine Kolumnen erscheinen in verschiedenen Innerschweizer Medien. Fit for flow freut sich, einige seiner Wanderungen vorstellen zu können.

Wie oft schon sind wir diesem Walensee entlang gefahren, Richtung Bündnerland, und wie oft schon haben wir gedacht, dass man da drüben, am andern Ufer, mal wandern müsste, zu dieser Ortschaft mit dem seltsamen Namen Quinten.

Jetzt ist es so weit: wir sind am Bahnhof Walenstadt und beisteigen den Bus nach Walenstadtberg. An der Station Alte Post steigen wir aus, queren die Strasse und marschieren los, eben Richtung Quinten, wie uns das Wanderwegzeichen befiehlt. Schon nach wenigen Metern lockt uns mit Holunderblütentee und Birnenbrot das Restaurant „wirtschaftberg“. Da wir nicht wissen, dass bis Quinten Beizenflaute herrscht, kehren wir nicht ein und wandern weiter. Zuerst auf bestem Wege meist geradeaus, über Wiesen, die vom Rindvieh so sauber abgefressen sind, als wäre der Bauer mit dem Rasenmäher zu Werke gegangen. Nach der gepflegten Liegenschaft Garadur – ein fremdklingender Name -, führt der Pfad in den Wald und hernach stetig abwärts, in angenehmen Kehren Richtung Walensee.

Er könnte auch Welschensee heissen. Denn im Frühmittelalter, anlässlich der Völkerwanderung, bildete er die Grenze zwischen den Alemannen, den Neuankömmlingen, und den Eingesessenen, den Rätoromanen. Und diese nannten unsere alemannischen Vorfahren Walen oder eben Welsche.

Der Anblick des Sees durch das Gelb und Rot des herbstlichen Waldes ist grossartig, ein Erlebnis. Man muss diese Wanderung daher auch unbedingt im Herbst machen – an einem sonnigen Tag ist sie nicht zu toppen! Und der Wald, wegen dem hier herrschenden Mikroklima mit allerlei fremdem Gehölz durchmischt und daher auch besonders, steht unter Naturschutz und wird von der ETH Zürich beobachtet. Man will dort erkunden, wie sich ein Wald entwickelt, in den der Mensch nicht eingreifen darf.

Wir marschieren also durch diesen herrlichen Wald, queren immer mal wieder kleine Bäche, sehen Wasserfälle und, um diese Jahreszeit halt, keinen Menschen. Selbst unser Hund scheint den Plausch zu haben.

Je mehr wir uns dem See nähern, desto öfter passieren wir kleine Rebberge. Leider sind die Trauben gelesen, wir hätten gerne etwas gestibitzt. Es wachse hier vor allem Blauburgunder, wie man uns später erklärt. Die letzten 40 Minuten führt der Weg mehr oder weniger dem See entlang, wir könnten ein Bad nehmen, wenn das Wasser nicht schon viel zu kalt wäre. In den Gärten der wenigen Häuser, die hier in privilegierter Lage sitzen, sehen wir Feigen und Kiwis und sogar Palmen. Das Gandria der Ostschweiz, wie die Werbung Quinten verkauft. Dort treffen wir nach einer gut zweistündigen Wanderung ein. Man nimmt an, dass der Name Quinten von der Hofnummerierung der bischöflichen Verwaltung in Chur stammt. Doch eigentlich interessiert uns das jetzt nicht besonders, vielmehr möchten wir gerne ein Bier trinken. Dieses wird uns in der historischen „Wirtschaft zur Schifflände“ serviert, die jetzt aber gerade in Umbau ist, nachdem die Wirtsfrau jüngst das Zeitliche gesegnet hat.

Quinten und seine paar Dutzend Bewohner leben heute vom Tourismus und nur noch in geringem Ausmass von der Schiffahrt. Das war früher, bevor es die ausgebaute Strasse über den Kerenzerberg und dann die Autobahn gab, ganz anders. Damals war der Walensee die Route, auf der die Güter von Zürich nach Chur und von da übers Gebirge in den Süden transportiert wurden. Entsprechend herrschte in Quinten grosse Betriebsamkeit. Es wurden hier sogar Schiffe gebaut. Eines versank hier anno 1851, die Delphin, wovon noch immer erzählt wird.

Wir könnten jetzt per Schiff zurück nach Walenstadt fahren. Doch sind wir gut drauf und entscheiden uns daher, noch zwei Stunden anzuhängen und nach Betlis, also bis fast zum anderen Ende des Sees zu wandern. Wir bereuen es in keiner Weise, denn nochmals dürfen wir eine wunderbare Landschaft geniessen, durch die wir von unserem Wanderweg geführt werden. Bloss ein kleines Hindernis müssen wir überwinden, gleich nach Quinten, einen Steinbruch. Steil führt der Weg nach oben, Trittsicherheit und gutes Schuhwerk sind angesagt. Der seilgesicherte Felspfad gewährt eindrückliche Blicke in die Tiefe. Doch bald haben wir die leicht kitzlige Sache hinter uns und marschieren wieder durch Wald, begleitet von dem heute zumindest lieblichen Walensee, der ja scheint’s auch ziemlich wild sein kann, wenn der Föhn bläst. In Betlis bewundern wir die Seerenbachfälle, mit 585 Metern die höchsten der Schweiz. Hernach geht’s endgültig aufs Schiff, mit diesem nach Mühlehorn und von da per Zug zurück nach Walenstadt.

Melchior Rudenz


Route
Walenstadt-Walenstadtberg-Quinten-Betlis-Mühlehorn-Walenstadt

Wanderzeit
4 ¼ Stunden

Verkehrsmittel
Walenstadt-Walenstadtberg: Bus; (Quinten-Walenstadt: Schiff) ; Betlis-Mühlehorn: Schiff; Mühlehorn-Walenstadt: Bahn

Essen/Trinken
Walenstadtberg, Quinten, Betlis

Karte
237 T Walenstadt 1:50’000