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Im Lande des Hallauers

Melchior Rudenz ist Journalist und passionierter Wanderer. Seine Kolumnen erscheinen in verschiedenen Innerschweizer Medien. Fit for flow freut sich, einige seiner Wanderungen vorstellen zu können.

Gottseidank ist es früh am Morgen, sonst würden wir hier gleich stecken bleiben. Denn dieses Hallau ist nun wirklich ein schmuckes Dorf, mit seinen stattlichen Fachwerkhäusern, gemütlich plätschernden Brunnen, verträumten Hinterhöfen und idyllischen Gassen. Sowie den vielen Kneipen. Es gibt in Hallau ja auch tüchtig zu trinken, Blauburgunder und RieslingxSilvaner vorab, wir sind hier schliesslich im grössten zusammenhängenden Weingebiet der Deutschschweiz. Weil die Hiesigen früher offenbar grosse Zecher waren, wurde das Schankrecht zwecks besserer Kontrolle einst auf die Gemeindehäuser beschränkt.

Doch wie gesagt, es ist Morgenstund, die Gasthäuser noch geschlossen, die Versuchung verschoben, wir machen uns auf den Weg. Durch Rebberge natürlich, Richtung Wallfahrtskriche St. Moritz ( 15.Jh.) und „Schlaate“. Genau, Schlaate, so heisst hier Schleitheim, wie wir nach einigem ungläubigen Nachfragen entdecken. Oben bei Hinter Berghöf biegen wir nach links ab und runter zur Grenze. Sie ist echt grün, führt durch eine ruhige, vertrauenserweckende Landschaft, und wir wissen nie genau, ob wir jetzt schon in Deutschland oder noch in der Schweiz sind - Schengen total. Jeder Seitensprung eines Grenzsteins könnte wohl eine Geschichte erzählen, über Glück und Liebe, Hass, Macht, Geld , Dummheit und Pech. Irgendwo hierdurch verlief zur Römerzeit die wichtige Verbindung vom Hochrhein zur oberen Donau, weshalb Schleitheim mal Juliomagus hiess. Viel später, im 16.Jahrhundert der Reformationszeit versteckten sich hier die Wiedertäufer. Wurden sie, die die Erwachsenentaufe zelebrierten und das Evangelium radikal lebten, erwischt, bedeutete dies oft der Tod. Jetzt ist Schleitheim ein friedliches Kaff, dessen Häuser wie ein Rosenkranz entlang einem Bach aufgereiht sind. Unterhalb des prächtigen Pfarrhauses spazieren wir, angewiesen von einer polnischen Serviererin, zum Dorf hinaus Richtung Strickhof. Hinter diesem Gehöft geht’s dann rauf , durch einen verträumten Buchenwald, zum Randen, dem mächtigen Hügelzug, der bis vor die Tore Schaffhausens führt. Der Hausberg der Hauptstädter ( zuoberst 900 Meter hoch) wurde zu Recht ins Bundesinventar schützenswerter Landschaften aufgenommen. Wir kommen uns ein wenig vor wie im Jura, was kein Wunder ist- der Randen ist der letzte Ausläufer unseres nördlichen Grenzgebirges. Bald blüht dort der Bärlauch, später, im Mai, die lokalen Orchideen. Jetzt, wo noch kein Grün an den Bäumen hängt, geniessen wir eine tolle Rundsicht zum Schwarzwald und müssen somit den nur für Schwindelfreie gedachten Randenturm nicht besteigen.
Einst thronte hier die Randenburg. Leider ist davon nichts übriggeblieben, bloss die nette Legende vom Burgfräulein Adelheid. Die Dame war auf dem Kirchgang nach Schaffhausen, da kamen Räuber, sie floh, doch das Stadttor war noch verschlossen. Doch weil Adelheid so fromm war, kam ein Engel zu Hilfe, öffnete, und seither hiess das inzwischen abgebrochene Tor Engelbrechtstor.

Jetzt gibt’s auf dem Randen keine Räuber mehr, aber viele Ausflügler, weshalb es nicht empfehlenswert ist, den Randen an Wochenenden aufzusuchen. Wir haben Glück, treffen nur ab und zu einen Wanderer und marschieren so in wohltuender Stille durch lichten Föhrenwald zum Randenhaus. Dort verköstigen wir eine Schinkenwurst, geniessen ein Gläschen Hallauer , sehen in weiter Ferne die Alpen und nehmen nur ganz leicht besäuselt die letzte Strecke nach Siblingen unter die Füsse. Daselbst schleicht sich schon das Dunkel der Nacht heran, Regen setzt ein und der befragte junge Mann mit dem Wuschelkopf und dem Namen Omar weiss auch keinen Rat, wo wir einen wärmenden Kaffee genehmigen könnten, weshalb wir uns, etwas unhöflich, die Bemerkung erlauben, hier möchten wir nicht mal begraben sein. „Schade“, meint Omar keck,“wir haben hier einen netten Friedhof“.

Melchior Rudenz


Route
Hallau-Hinter Berghöf-Schleitheim-Randenburg-Randenhaus-Siblingen

Wanderzeit
6 ½ Stunden

Essen/Trinken
Randenburg (Verpflegungsstätte, nicht immer offen), Randenhaus

Karte
205 T Schaffhausen